Der durchschnittliche Anleger bleibt zutiefst zwiegespalten. Einerseits betont er lautstark, wie unsicher und belastend das aktuelle Umfeld sei. Andererseits kauft er panisch alles, was irgendwie mit dem KI-Boom zu tun hat. Der Anleihemarkt sendet derweil Warnsignale aus. Doch Anleihen gelten bekanntlich als langweilig – und sie liegen auch nicht immer richtig. Wem also soll man glauben?

KI ist derzeit der Baum, der den Wald verdeckt. So viel Kapital strömt in den Sektor, dass er für Investoren zugleich gigantische Chance und kollektiver Fluchtpunkt vor unangenehmeren Fragen geworden ist. Die zentrale Frage lautet: In welchem Zustand wäre die US-Wirtschaft ohne diesen KI-Goldrausch? Das mag etwas grob formuliert sein, schließlich hätte das Weiße Haus seine aktuelle Politik womöglich gar nicht verfolgt, wenn es sich nicht auf den Wachstumsschub durch KI-Investitionen verlassen hätte. Trotzdem lohnt die Frage, denn ganze Wirtschaftsbereiche stehen in den USA unter Druck – und dürften es bleiben, solange die Energiepreise hoch bleiben.

Im Moment herrscht jedoch Euphorie. Der KI-Chipentwickler Cerebras feierte gestern ein spektakuläres Börsendebüt und schloss den ersten Handelstag an der Nasdaq mit einem Plus von 68%. Das schien fast vorprogrammiert. Cisco sprang um 13%, nachdem der Konzern seine Kommunikation geschickt neu auf das Thema KI ausgerichtet hatte. Die Aktie des US-Unternehmens liegt seit Jahresbeginn rund 50% im Plus. Gleichzeitig wurden Erinnerungen an die Dotcom-Blase wach: Cisco brauchte fast 26 Jahre, um seine damaligen Höchststände wieder zu erreichen.

Sogar die Old Economy springt inzwischen auf den Zug auf. Ford gewann binnen zwei Handelstagen 20%. Auslöser war die Ankündigung eines neuen Geschäfts mit Energiespeicherbatterien für KI-Anwendungen. Die Technologie dafür stammt ausgerechnet vom chinesischen Konzern CATL. Doch offenbar zählt derzeit weniger die Herkunft als der Hype. Die Euphorie wirkt irrational – zumindest oberflächlich betrachtet. Technologieaffine Investoren sehen das allerdings anders: Für sie ist die Entwicklung vollkommen rational oder zumindest angemessen angesichts der laufenden technologischen Revolution.

Unbestreitbar ist jedenfalls, dass eine historische Kapitalflut das gesamte Ökosystem antreibt und inzwischen auch angrenzende Branchen mitreißt. Das Gegengewicht dazu bilden Geopolitik und deren wirtschaftliche Folgen. Der Konflikt mit dem Iran und die Störungen einiger Rohstoffströme schicken Schockwellen durch die Märkte und nähren die Sorge vor einer neuen Inflationsspirale. Die Inflation in den USA bleibt zu hoch und droht gefährliche Ungleichgewichte zu erzeugen: sinkende Kaufkraft, steigende Finanzierungskosten und eingeschränkter geldpolitischer Spielraum.

Genau hier kommt der China-USA-Gipfel ins Spiel, der bis zum Ende des Tages abgeschlossen sein soll. Die Märkte hoffen darauf, dass Donald Trump mit etwas „Deflationärem“ zurückkehrt: etwa mit den Grundzügen eines Handelsabkommens, einer chinesischen Zusage zur Unterstützung bei der Wiederöffnung der Straße von Hormus oder irgendeinem Signal, das auf sinkenden globalen Preisdruck hindeutet.

US-Finanzminister Scott Bessent brachte bereits einen Mechanismus zur Förderung chinesischer Investitionen sowie gezielte Zollsenkungen ins Gespräch. Donald Trump wiederum machte mehrere Aussagen, die bislang nicht überprüft werden konnten. So behauptete er, China sei bereit, bei Verhandlungen mit dem Iran zu helfen, und habe zugesagt, keine Waffen an Teheran zu liefern. Die Abschlusserklärungen beider Seiten könnten mehr Klarheit schaffen.

Gleichzeitig erklärte der US-Präsident in gewohnt selbstbewusstem Ton, die Vereinigten Staaten seien nicht auf eine Wiederöffnung der Straße von Hormus angewiesen. Tatsächlich verharrte der Ölpreis aber auf hohem Niveau, und eine Lösung der Nahostkrise wirkt weiterhin weit entfernt.

Die unmittelbare wirtschaftliche Folge: Die Renditen amerikanischer Staatsanleihen ziehen erneut kräftig an. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe überschritt heute Morgen die Marke von 4,5%, während die zweijährige Rendite erstmals seit elf Monaten wieder über 4% steigt. Laut CME FedWatch liegt die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung bei der Fed-Sitzung am 9. Dezember inzwischen bei 49,8%. Polymarket sieht sie bei 37%.

An den asiatisch-pazifischen Märkten überwogen heute Morgen erneut die Konjunktursorgen. Südkorea – traditionell besonders anfällig für Übertreibungen – verliert 6,6%. Japan gibt 2,0% nach, Hongkong 1,5%. Indien schwimmt wie so oft gegen den Strom und gewinnt 0,5%. Australien verliert lediglich 0,2%, hat allerdings in den vergangenen sechs Sitzungen nur einmal zugelegt.

Für Europa wird ein schwacher Handelsstart erwartet. Auch die US-Futures notieren im Minus. Das Ergebnis des US-chinesischen Gipfels könnte die Marktstimmung allerdings noch einmal komplett drehen.

Wirtschaftliche Höhepunkte:

Auf der heutigen Agenda: die jährliche Industrieproduktion in der Schweiz; die vorläufige Leistungsbilanz in China; die Wohnungsbaubeginne in Kanada; in den Vereinigten Staaten der Empire State Manufacturing Index von New York und die monatliche Industrieproduktion. Die gesamte Agenda gibt es hier.

  • EUR / USD: 1,16 $
  • Gold: 4.572,55 $
  • Rohöl (Brent): 107,4 $
  • Anleihe Vereinigte Staaten 10 Jahre: 4,53 %
  • BITCOIN: 81.252 $

In den Nachrichten:

  • Freenet steigerte den Umsatz im ersten Quartal 2026 um mehr als 25% auf 761,9 Millionen Euro, während das bereinigte EBITDA um 3,6% sank. Die Jahresprognose wurde bestätigt.
  • Colonial bestätigt seine Ziele für 2026.
  • Technoprobe meldet für das erste Quartal ein EBITDA von 69,2 Millionen Euro.
  • Hargreaves Lansdown streicht im Rahmen seines Modernisierungsplans Stellen.
  • On The Beach verzeichnet nach aufgelaufenen Verlusten einen Anstieg der Leerverkaufspositionen auf mehr als 5% des Aktienkapitals innerhalb von 48 Stunden.
  • Telecom Italia wird von Fitch auf „BB+“ hochgestuft. Der Ausblick ist stabil.
  • Webuild meldet seit Jahresbeginn neue Aufträge im Volumen von 3 Milliarden Euro.
  • Ferretti: Der Versuch von KKCG Maritime, den Verwaltungsrat umzubesetzen, ist knapp gescheitert.
  • Cerebras Systems stieg bei seinem Nasdaq-Debüt um 68% auf 311 Dollar. Der Ausgabepreis lag bei 185 Dollar.
  • Boeing dürfte laut Trump einen Auftrag über 200 Flugzeuge aus China erhalten.
  • Brookfield Corporation hat SpaceX-Aktien im Wert von 2 Milliarden Dollar erworben.
  • Live Nation kündigt den Bau einer neuen Indoor-Konzerthalle in Seattle an.
  • Biogen setzt die Entwicklung seines experimentellen Alzheimer-Medikaments fort, obwohl in Phase II ein wichtiger Endpunkt verfehlt wurde.

Weitere Nachrichten von Unternehmen, die in Deutschland notiert sind, finden Sie hier.

Analystenempfehlungen:

  • E.ON SE: Berenberg bestätigt Hold und erhöht das Kursziel von 18,10 EUR auf 19,30 EUR.
  • Raiffeisen Bank International AG: Mediobanca bestätigt Neutral und erhöht das Kursziel von 43 EUR auf 47 EUR.
  • Rheinmetall AG: Berenberg bestätigt Buy und senkt das Kursziel von 2100 EUR auf 1750 EUR.
  • Swiss Life Holding AG: Berenberg bestätigt Buy und erhöht das Kursziel von 939 CHF auf 979 CHF.
  • Allianz SE: Landesbank Baden-Württemberg bestätigt Hold und erhöht das Kursziel von 370 EUR auf 400 EUR.
  • Bilfinger SE: Landesbank Baden-Württemberg bestätigt Buy und senkt das Kursziel von 127 EUR auf 110 EUR.
  • Siemens AG: Landesbank Baden-Württemberg bestätigt Buy und erhöht das Kursziel von 315 EUR auf 325 EUR.
  • Talanx AG: Landesbank Baden-Württemberg bestätigt Hold und senkt das Kursziel von 125 EUR auf 115 EUR.
  • Renk Group AG: Landesbank Baden-Württemberg bestätigt Buy und senkt das Kursziel von 70 EUR auf 60 EUR.
  • Porsche Automobil Holding SE: Bernstein bestätigt Market Perform und senkt das Kursziel von 38 EUR auf 35 EUR.
  • Lindt: Barclays bestätigt Underweight und senkt das Kursziel von 106.000 CHF auf 100.000 CHF.
  • Julius Bär Gruppe AG: JP Morgan bestätigt Overweight und erhöht das Kursziel von 76 CHF auf 78 CHF.
  • Adecco Group AG: BNP Paribas bestätigt Neutral und senkt das Kursziel von 20 CHF auf 19 CHF.