Die Korrektur an den Aktienmärkten seit Ende Februar wirkt zunehmend wie mehr als nur eine einfache Bereinigung. Der S&P 500 verlor allein im März über 5%. Der Nasdaq 100 rutschte mit einem Minus von mehr als 10% seit seinem Hoch im Oktober offiziell in den Korrekturmodus. In Europa gab der Stoxx 600 seit seinem Höchststand Ende Februar rund 8% nach.

Zu Wochenbeginn setzte dann eine kräftige Gegenbewegung ein. Der S&P 500 sprang am Dienstag um 2,91% – der stärkste Tagesanstieg seit Mai – und legte am Mittwoch weitere 0,72% bzw. am Donnerstag 0,11% zu, womit er bei 6.582 Punkten schloss. Der Dow Jones gewann binnen zwei Tagen mehr als 1.300 Punkte. In Asien schoss der Kospi am Dienstag um über 8% nach oben, der Nikkei um 5%. Das bekannte Muster in Abhängigkeit der Geopolitik wiederholt sich dieser Tage: Hoffnung, Rally – und dann die kalte Dusche.

Doch diese Volatilität ist kein Zufall. Um zu verstehen, warum sich die Märkte so schnell auf- und wieder abladen, lohnt ein Blick unter die Oberfläche: auf einen Markt, dessen Verkäufer ihre Munition weitgehend verschossen haben.

Akt 1: Hedgefonds werfen das Handtuch

Beginnen wir mit den Hedgefonds – jenen flexiblen Marktteilnehmern, die sowohl auf steigende als auch auf fallende Kurse setzen können. Die Daten von Goldman Sachs Prime Brokerage (Stand 26. März) sind eindeutig: Die Fonds haben ihre Aktienexponierung weltweit sechs Wochen in Folge reduziert. In Europa erreichten ihre Short-Positionen auf makroökonomische Produkte mit 11% den höchsten Stand seit zehn Jahren, wie aus einer von Bloomberg zitierten Analyse von Vincent Lin (Goldman Sachs) hervorgeht.

Die Nettotransaktionen der Hedgefonds bei US-Aktien – gemessen über sechs Wochen und relativ zum historischen Durchschnitt – liegen aktuell bei etwa -2,5. Ein derart extremes Niveau wurde in den vergangenen zehn Jahren nur zweimal erreicht: während des Covid-Crashs 2020 und beim „Liberation Day“-Schock im April 2025. Die aktuellen Nettoverkäufe zählen damit zu den drei stärksten Abbauphasen der letzten Dekade.

Für Goldman Sachs ist das ein klassisches Kapitulationssignal: der Moment, in dem selbst die letzten Verkäufer aus dem Markt gedrängt wurden. Wenn alle verkauft haben, fehlt es schlicht an weiterem Abwärtsdruck. Kein automatisches Kaufsignal – aber historisch häufig der Auftakt zu einer Erholung. „Erste Anzeichen einer Kapitulation werden sichtbar“, schreibt Vincent Lin.

Akt 2: Den Maschinen geht die Munition aus

Nicht nur die Hedgefonds haben ihre Positionen reduziert. Auch die sogenannten CTAs (Commodity Trading Advisors) – systematische Fonds, die Markttrends algorithmisch folgen – haben im vergangenen Monat Aktien im Wert von 190 Milliarden US-Dollar verkauft und halten nun eine Netto-Short-Position von 50 Milliarden US-Dollar, so Goldman Sachs.

Vergleichbare Extremwerte gab es zuletzt in drei Phasen: beim „Volmageddon“ 2018 (einem Volatilitätsschock mit Kettenreaktionen), während der geldpolitischen Straffung der Fed 2018–2019 sowie während der Covid-Krise 2020. In allen Fällen markierten diese Extrempositionierungen nahezu den Tiefpunkt der Märkte – zumindest wenige Wochen später.

Diesmal zeigt sich die Konsequenz bereits: Goldman geht davon aus, dass CTAs im kommenden Monat in allen Szenarien Käufer sein werden – ob bei steigenden, stabilen oder weiter fallenden Kursen. Ihr aktuelles Positioning ist so extrem, dass sie gezwungen sind, Positionen zurückzukaufen. „Die systematische Community ist am Limit“, schreibt Cullen Morgan. „Der Verkaufsdruck lässt nach“, ergänzt Brian Garrett.

Akt 3: Die letzten Bremsen lösen sich

Zu diesem Zeitpunkt sind die Verkäufer weitgehend erschöpft. Doch zwei weitere technische Faktoren kommen hinzu.

Erstens: die Pensionsfonds. Nach mehreren Wochen fallender Kurse sind ihre Portfolios im Vergleich zu den Zielallokationen untergewichtet in Aktien. Das zwingt sie, zum Quartalsende wieder zuzukaufen. Goldman modelliert diese Ströme als netto positiv für den Markt.

Zweitens: das sogenannte negative Gamma. Auf den Optionsmärkten sorgen Market Maker für Liquidität, indem sie als Gegenpartei auftreten. Das Gamma misst, wie sich ihre Absicherung verändert, wenn sich die Kurse bewegen. Bei negativem Gamma sind sie gezwungen, fallende Märkte zu verkaufen und steigende zu kaufen – ein Mechanismus, der Bewegungen verstärkt. Goldman schätzt, dass rund 7 Milliarden US-Dollar dieses negativen Gammas mit dem Monatswechsel verschwinden, wodurch ein prozyklischer Verstärker der Abwärtsbewegung wegfällt.

Mit anderen Worten: Als Trump am Dienstag sprach, war der Markt wie eine maximal gespannte Feder. Die Verkäufer waren erschöpft, erzwungene Käufer standen bereit – und ein wichtiger Verstärkungsmechanismus verschwand. Es fehlte nur noch ein Auslöser. Er kam am Dienstag. Und begann in der Nacht bereits wieder zu wackeln.

Der Katalysator ist da – die Sicht bleibt trüb

Genau einen solchen Auslöser hatte Goldman Sachs als Voraussetzung für eine Erholung identifiziert. Trumps Aussagen über ein mögliches Ende des Konflikts reichten aus, um am Dienstag eine starke Kaufwelle auszulösen. Die extremen Positionierungen von Hedgefonds und CTAs bilden das technische Fundament. Die Marktmechanik ist in Bewegung.

„Viele haben bereits versucht, den Tiefpunkt auszurufen. Intellektuelle Ehrlichkeit legt nahe, dass wir noch nicht so weit sind“, schrieb Brian Garrett vor der Rally.

Denn neu ist das alles nicht. Seit dem 28. Februar hat Trump laut Axios mindestens zwölfmal signalisiert, dass der Krieg kurz vor dem Ende stehe. Am 2. März sprach er von einem „beispiellosen Erfolg“, am 9. März von einer „kleinen Exkursion“, am 20. März erklärte er den Sieg. Am 23. März berichtete er von „sehr produktiven Gesprächen“ mit dem Iran – nur um zwei Tage später mit Bombardierungen der Energieinfrastruktur zu drohen. Auf jede optimistische Ankündigung folgt eine Rally. Auf jede Eskalation ein Rücksetzer.

Auf iranischer Seite bleibt der Ton unverändert hart. Ein Sprecher des Außenministeriums bezeichnete die US-Forderungen als „maximalistisch und irrational“. Der Parlamentspräsident lehnt Verhandlungen unter Druck ab. Die Straße von Hormus – durch die rund 20% der weltweiten Öl- und Gasversorgung transportiert werden – bleibt geschlossen. Gleichzeitig dauern die gegenseitigen Angriffe an.

Die entscheidende Frage ist daher nicht mehr, ob die Voraussetzungen für eine Erholung gegeben sind – das sind sie. Die eigentliche Frage lautet: Hält der Katalysator diesmal länger als ein paar Handelstage? Oder bleibt der Markt gefangen in seinem Lieblingsspiel – Hoffnung, Rally, Ernüchterung.