UniCredit hat ihre Beteiligung an der Commerzbank weiter ausgebaut, indem sie im Rahmen ihres öffentlichen Umtauschangebots Zusagen für rund 7,6 % des Aktienkapitals der deutschen Bank erhalten hat. Zusammen mit der bereits direkt gehaltenen Beteiligung von 26,8 % würde die italienische Großbank damit auf etwa 34,4 % des Kapitals kommen und die selbst gesetzte Zielmarke von 30 % überschreiten. Das bis zum 16. Juni laufende Angebot sieht den Tausch von 0,485 UniCredit-Aktien für jede Commerzbank-Aktie vor.

Das Überschreiten dieser Schwelle verschafft UniCredit zwar noch nicht die vollständige Kontrolle über die Commerzbank, verändert aber die Kräfteverhältnisse deutlich. Der von Andrea Orcel geführte Konzern verfügt nun über erheblich mehr Einflussmöglichkeiten und hält sich zugleich die Option offen, seine Beteiligung schrittweise weiter auszubauen. Selbst wenn das Angebot nicht auf breite Zustimmung unter den Aktionären stößt, kann sich UniCredit dauerhaft im Aktionariat etablieren und die strategische Ausrichtung der zweitgrößten deutschen Privatbank maßgeblich mitgestalten.

Die Führung der Commerzbank verteidigt weiterhin ihren eigenständigen Kurs und hält das Angebot angesichts des eigenen Potenzials für unzureichend. Diese Haltung findet auch politische Unterstützung in Deutschland. Der Staat ist seit der Finanzkrise weiterhin Aktionär, und die Übernahme eines systemrelevanten Instituts durch einen ausländischen Wettbewerber bleibt ein sensibles Thema. Damit wird der Vorgang zugleich zu einem Härtetest für die europäische Bankenunion, die grenzüberschreitende Zusammenschlüsse zwar fördert, in der Praxis jedoch immer wieder auf starke nationale Interessen stößt.

Der Vorstoß erfolgt vor dem Hintergrund einer langjährigen Konsolidierungswelle, die bislang vor allem innerhalb der jeweiligen Länder stattgefunden hat. Seit der Finanzkrise ist die Zahl der Kreditinstitute in Europa deutlich zurückgegangen. Laut Europäischem Bankenverband sank sie bis 2023 auf 5.304 Institute. Besonders ausgeprägt war diese Entwicklung in Spanien, wo die Zahl der Banken von rund 55 vor der Finanzkrise auf etwa zehn Institute schrumpfte. Auch in Griechenland, Zypern und den baltischen Staaten vereinen die fünf größten Banken inzwischen rund 90 % oder mehr der nationalen Bankaktiva auf sich.

Trotz dieser Entwicklung bleiben die größten europäischen Märkte vergleichsweise stark fragmentiert. In Deutschland entfallen auf die fünf größten Banken lediglich rund ein Drittel der gesamten Bankaktiva, während der europäische Durchschnitt laut Daten der Europäischen Zentralbank bei knapp 69 % liegt. Eine Fusion der Commerzbank mit der HypoVereinsbank, der deutschen Tochtergesellschaft von UniCredit, würde einen neuen Schwergewichtler auf dem deutschen Markt schaffen und die Debatte über die nationale Kontrolle des Bankensektors neu entfachen.

Der Ausgang dieser Transaktion wird deshalb weit über die beteiligten Institute hinaus aufmerksam verfolgt werden. Ein weiterer Vormarsch von UniCredit würde die These stärken, dass paneuropäische Bankenchampions entstehen können, die im Wettbewerb mit den großen US-Banken, Fintechs und den tieferen Kapitalmärkten der Vereinigten Staaten besser bestehen. Scheitert das Vorhaben hingegen, wäre dies ein weiteres Indiz dafür, dass die europäische Bankenkonsolidierung weiterhin an politischen Grenzen, dem Fehlen einer gemeinsamen Einlagensicherung und regulatorischen Hürden für grenzüberschreitende Liquiditätsströme scheitert.