Langsam, aber stetig steigt der Ölpreis wieder. Anfang April ließ die Verkündung des Waffenstillstands auf eine Entspannung hoffen, der Brent-Preis fiel damals unter 90 USD. Heute Morgen notiert er bei 108 USD.
Seither wurde der Waffenstillstand zwar von Donald Trump auf unbestimmte Zeit verlängert, Fortschritte in den Verhandlungen blieben jedoch aus. Bis zu einer diplomatischen Lösung bleibt der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus weitgehend lahmgelegt. Hinzu kommt, dass nicht mehr nur der Iran den Transit behindert – inzwischen blockiert auch die US-Marine iranische Schiffe.
Am Ölmarkt verschärft sich die Lage damit weiter. Laut Goldman Sachs liegt die Fördermenge der Golfstaaten aktuell um 14,5 Mio. Barrel pro Tag unter dem Vorkrisenniveau im Iran-Konflikt. Die weltweite Nachfrage beläuft sich hingegen auf rund 100 Mio. Barrel pro Tag.
Selbst wenn die Blockade kurzfristig aufgehoben würde, dürfte es Zeit brauchen, bis sich der Verkehr normalisiert. Die Washington Post berichtete kürzlich, dass allein die Minenräumung in der Straße von Hormus bis zu sechs Monate dauern könnte. Zudem setzt der Iran die Verminung offenbar fort: Laut Axios haben die Revolutionsgarden erst vergangene Woche neue Minen verlegt.
Trotz der gestiegenen Preise gibt es offenbar nur begrenzten Spielraum, die Förderung in anderen Regionen deutlich auszuweiten. Eine Studie der Federal Reserve Bank of Dallas zeigt, dass US-Ölproduzenten in den kommenden zwei Jahren nicht mit einer signifikanten Produktionsausweitung rechnen. Sie gehen davon aus, dass die durch den Iran-Konflikt bedingten hohen Preise nicht von Dauer sind – eine Einschätzung, die auch an den Terminmärkten reflektiert wird. Der Brent-Future für Dezember notiert derzeit bei rund 86 USD und damit etwa 20 USD unter dem Juni-Kontrakt.
Auch die Führungskräfte der großen Ölkonzerne zeigen sich zunehmend besorgt. „Sollte die Situation noch zwei oder drei Monate andauern, geraten wir in eine Phase globaler Energieknappheit, unter der insbesondere asiatische Länder bereits leiden“, erklärte TotalEnergies-CEO Patrick Pouyanné am Freitag auf der World Policy Conference in Chantilly.
Tatsächlich ist Asien derzeit die am stärksten betroffene Region, in der bereits erste Engpässe auftreten. Europa könnte als nächstes betroffen sein. Lufthansa kündigte vergangene Woche die Streichung von fast 20.000 Flügen an, um möglichen Treibstoffengpässen zuvorzukommen. „Der Luftfahrtsektor ist klar ein Bereich, in dem sich die Lage in den kommenden Wochen weiter verschärfen dürfte“, sagte auch Chevron-CEO Mike Wirth.
In den vergangenen zwei Monaten spiegelten die Ölpreise vor allem einen kurzfristigen Schock wider. Doch die Spannungen am physischen Markt nehmen mit der Dauer der Blockade weiter zu. Diese Diskrepanz dürfte sich letztlich nur durch weiter steigende Preise auflösen.
Goldman Sachs hat heute Morgen seine Prognosen angehoben und erwartet nun einen durchschnittlichen Brent-Preis von 90 USD im vierten Quartal 2026.


























