Frankfurt, 13. Apr (Reuters) - Ausgerechnet zur 100-Jahr-Feier der Lufthansa in dieser Woche eskalieren die Tarifkonflikte mit dem fliegenden Personal der Airline. Auf den zweitägigen Ausstand der Piloten am Montag und Dienstag folgt der nächste Streik des Kabinenpersonals am Mittwoch und Donnerstag. Die Unabhängige Flugbegleiter Organisation (UFO) kündigte am Montag an, alle Abflüge von den Flughäfen Frankfurt und München für zwei Tage zu bestreiken. Am Mittwoch will UFO während des Festakts zum 100. Jahrestag der Firmengründung, zu dem Bundeskanzler Friedrich Merz erwartet wird, vor dem neuen Besucherzentrum bei der Konzernzentrale eine Kundgebung abhalten. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) hat zur Teilnahme daran aufgerufen.
"Wenn sich das Management gemeinsam mit der Bundespolitik für 100 Jahre Lufthansa feiert, dann werden wir genau dort sichtbar machen, unter welchen Bedingungen die Arbeitgeberseite funktioniert - und auf wessen Rücken aktuelle Entscheidungen ausgetragen werden", erklärte UFO-Chef Joachim Vazquez Bürger. Das Lufthansa-Management wolle die Arbeitsbedingungen verschlechtern und nehme eine Hardliner-Position ein.
Lufthansa-Personalvorstand Michael Niggemann kritisierte, der Spartengewerkschaft sei das Schicksal der Fluggäste und die Zukunft der Lufthansa völlig gleichgültig. "Die konzernweit ohnehin schon besten Einsatzbedingungen für Flugbegleiter sollen mit diesem Erzwingungsstreik ohne ernsthafte Verhandlung noch einmal deutlich angehoben werden." Die Lufthansa hat nach eigenen Angaben Tarifvorschläge gemacht, die aus Sicht von UFO aber nicht verhandlungsfähig sind. Im Streit mit der VC lehnt es die Lufthansa ab, den Arbeitgeberbeitrag zur Betriebsrente mehr als zu verdoppeln. Das Unternehmen dringt vielmehr auf sinkende Kosten und mehr Produktivität, damit die schwächelnde Kernmarke wieder mehr Geld verdient.
ZEHNTAUSENDE KUNDEN BETROFFEN
Bereits am Freitag hatte das Kabinenpersonal gestreikt - fünf Tage Streik in Folge ist der längste Arbeitskampf bei der Airline seit zehn Jahren. Am Montag durchkreuzte der Pilotenstreik bei der Lufthansa und ihrem Ferienflieger Eurowings mit massiven Flugausfällen die Pläne Zigtausender Reisender. An ihrem Hauptflughafen Frankfurt entfiel der größte Teil von insgesamt 570 gestrichenen Starts und Landungen, die der Betreiber Fraport zählte, auf die Lufthansa. Gut 50.000 Fluggäste waren allein hier von Ausfällen und Umbuchungen betroffen. Der zweitgrößte deutsche Airport München registrierte für beide Tage zusammen rund 720 Annullierungen, vor allem bei der Lufthansa. Die VC sprach von mehr als 700 gestrichenen Flügen bei den bestreikten Fluglinien Lufthansa, Cityline und Eurowings.
Während die Pilotinnen und Piloten der Lufthansa schon zum dritten Mal im Streit über die betriebliche Altersvorsorge die Arbeit niederlegen, waren die Flugzeuglenker von Eurowings zum gleichen Tarifthema erstmals zu einem eintägigen Arbeitskampf aufgerufen. "Trotz Streikaufruf werden wir heute rund 60 Prozent der geplanten Flüge durchführen können - das sind circa 300 Flüge", teilte Eurowings mit. Damit fielen 210 Verbindungen aus.
Lufthansa-Chef Carsten Spohr zeigte sich von dem Arbeitskampf unbeeindruckt. "Lieber einige Tage mit einem streikbedingt reduzierten Angebot der Lufthansa-Gruppe als irgendwann dauerhaft mit einer deutlich reduzierten Kernmarke", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" nach einem Vorabbericht. Personalchef Niggemann drohte, bei Streiks und hohen Personalkosten die kaum profitable Premiummarke weiter zu schrumpfen: "Jeder Streik verkleinert die betroffenen Fluggesellschaften."
VERHÄRTETE FRONTEN
Nach mehr als einem halben Jahr Streit über die betriebliche Altersvorsorge gibt es zwischen den Tarifparteien keinerlei Annäherung. VC-Präsident Andreas Pinheiro sagte in Frankfurt, die Betriebsrente der Lufthansa-Piloten sei im Vergleich zu den Konkurrenten Air France und KLM "unfassbar weit abgeschlagen". Die Spanne liege bei der Lufthansa zwischen 2000 und 5000 Euro monatlich. Lufthansa-Personalchef Niggemann nannte die Altersversorgung hingegen exzellent im Vergleich zu den anderen Airlines der Gruppe wie auch zu europäischen Wettbewerbern. Das Unternehmen beziffert die Betriebsrente langjähriger Vollzeitbeschäftigter auf 5400 Euro durchschnittlich, die zur gesetzlichen Rente von rund 3000 Euro hinzukommen.
Die Kernmarke Lufthansa Classic sei auf vielen Kurz- und Mittelstrecken wegen der Personalkosten nicht mehr wettbewerbsfähig, sagte Niggemann. Deshalb übernähmen kostengünstigere Airlines der Gruppe mehr und mehr Flüge. "Diese Streiks werden unsere Strategie nicht beeinflussen", betonte der Manager. "Flugzeuge fliegen da, bei den Gesellschaften, wo sie profitabel fliegen können." So wachsen die noch jungen Airlines Discover für Ferienflüge und die Regionalgesellschaft City Airlines, die trotz Tarifverträgen mit der Gewerkschaft Verdi deutlich billiger arbeiten. Ärger mit den Gewerkschaften VC und UFO sieht Analyst Andrew Lobbenberg von Barclays als Nachteil der Strategie. Die instabilen Arbeitsbeziehungen seien keine Basis für höhere Erlöse beim Premiumprodukt Lufthansa.
(Bericht von Ilona Wissenbach und Reuters TV. Redigiert von Ralf Bode. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Redaktionsleitung unter frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com)
- von Ilona Wissenbach



















