Kapitalverlagerung über den Atlantik

In den USA häufen sich die Warnsignale: steigende Staatsverschuldung, umstrittene Steuerreformen, Trumps Unberechenbarkeit – all das veranlasst viele Fondsmanager dazu, ihre Portfolios geografisch breiter aufzustellen. Mehrere Schwergewichte der Branche verschieben ihre Allokationen deutlich zugunsten Europas. So hat Neuberger Berman mittlerweile 65 % seiner Co-Investments im Private Equity in Richtung Europa verlagert – mehr als doppelt so viel wie gewöhnlich. Auch der kanadische Pensionsfonds Caisse de dépôt et placement du Québec, der bislang 40 % seiner Anlagen in den USA hielt, baut seine Europa-Quote weiter aus.

Auch bei Blackstone, einem der größten Vermögensverwalter weltweit mit über 1.000 Milliarden US-Dollar an Assets under Management, ist die Marschrichtung klar: „Die politische Lage ist hier relativ stabil. Kapital nach Europa zu verlagern, ist sicherlich keine schlechte Wette“, meint Vizepräsident Tom Nides. Blackstone kündigte an, innerhalb der kommenden zehn Jahre 500 Milliarden US-Dollar auf dem alten Kontinent zu investieren.

„Investoren beginnen sich von den USA abzuwenden“, konstatiert auch Richard Oldfield, CEO von Schroders, das rund 70 Milliarden US-Dollar verwaltet.

Berlin als Epizentrum eines Paradigmenwechsels?

Auf der renommierten SuperReturn-Europe-Konferenz in Berlin, bei der sich rund 2.700 Fondsmanager austauschten, nahm Europa eine zentrale Rolle ein. Die Teilnehmer diskutierten die strategische Neuausrichtung vieler Investoren.

John Maldonado, geschäftsführender Partner bei Advent International (circa 82 Milliarden US-Dollar verwaltetes Vermögen), betonte, dass Europa bereits vom relativen Kapitalrückzug aus den USA profitiere. „Europa ist nicht nur die Zukunft – es ist bereits die Gegenwart“, sagte er mit Blick auf mehrere laufende Transaktionen.

Maldonado sieht auch in der bislang schwachen Aktivität des europäischen Private-Equity-Markts einen Vorteil: Viele attraktive Vermögenswerte seien noch verfügbar und könnten bei einer Belebung des Kapitalflusses schnell in Bewegung geraten.

Auch Blair Jacobson, Co-Leiter von Ares Management (rund 546 Milliarden US-Dollar AUM), sieht positive Effekte durch die Zinssenkungen, den deutschen Haushaltsplan sowie den Draghi-Bericht des Vorjahres, der mehr Wettbewerbsfähigkeit und Deregulierung empfiehlt.

Tamsin Coleman von Mercer hebt hervor, dass viele Asset Manager ihre europäischen Teams verstärken, um die neu entstehenden Chancen besser nutzen zu können. Ähnlich äußert sich Julian Salisbury von Sixth Street (etwa 60 Milliarden US-Dollar verwaltetes Vermögen): „Private Kapitalgeber finden in Europa reale Chancen, zu niedrigeren Bewertungen zu investieren. Es gibt hier nach wie vor viele große Unternehmen.“

Strategische Neugewichtung statt Kapitalflucht

Trotz der positiven Dynamik mahnen Investoren zur Nüchternheit. Die gegenwärtige Entwicklung sei keine Fluchtbewegung, sondern vielmehr eine strategische Umschichtung. Denn der US-Markt bleibt nach wie vor der mit Abstand tiefste und ist vor allem im Technologiesektor unerreicht.

Gleichzeitig ist auch Europas politische Lage nicht frei von Risiken. Die Haushaltsdefizite einiger Staaten sind ebenso alarmierend wie in den USA. Darüber hinaus leidet die EU unter einem strukturellen Mangel an politischer Klarheit – 27 Mitgliedsstaaten mit teils divergierenden nationalen Agenden sowie das Erstarken nationalistischer Kräfte werfen Fragen auf.

Das wohl stärkste Argument bleibt dennoch das Wirtschaftswachstum – oder vielmehr dessen Ausbleiben. Auch hier bestehen deutliche Unterschiede zwischen den Kontinenten.

Rajaa Mekouar, Co-Direktorin des Family Office Capnor und Gründerin von Calista Direct Investors, fasst die Lage treffend zusammen: „Jeder vergleicht Europa mit den Vereinigten Staaten – und Europa erlebt tatsächlich eine Renaissance nach Jahren der Missachtung. Doch auch wenn die USA in einem politischen Schlamassel stecken, gilt Ähnliches für Europa, das ein Flickenteppich unterschiedlich dynamischer Länder ist. Für uns ist das kein eindeutiges Votum.“