Budapest, 13. Apr (Reuters) - Die Wähler in Ungarn haben den EU-kritischen Regierungschef Viktor Orban nach 16 Jahren an der Macht abgewählt. Bei der Parlamentswahl am Sonntag kommt die pro-europäische Partei Tisza um ihren Chef Peter Magyar nach Auszählung fast aller Stimmen auf 138 Mandate im 199 Sitze umfassenden Parlament. Sie hätte damit eine Zweidrittel-Mehrheit, die Beobachtern zufolge auch nötig ist, um zu einem echten Politik-Wechsel zu kommen. Der 62-jährige Orban gratulierte Magyar am späten Abend zum Wahlsieg. Das Ergebnis sei eindeutig und für seine Partei schmerzhaft, sagte er. Fernsehbilder zeigten weinende Anhänger vor dem Hauptquartier seiner Partei. Die Fidesz werde dem Land nun aus der Opposition dienen.

Zehntausende Anhänger feierten den 45-jährigen Magyar am Ufer der Donau in Budapest. "Wir haben gemeinsam Orbans System abgelöst und Ungarn befreit, wir haben uns unser Land zurückgeholt", rief er der Menge zu. Magyar will nun Ungarns Westbindung wiederherstellen. Bereits im Wahlkampf kündigte er an, als Erstes gegen Korruption vorgehen zu wollen und von der EU eingefrorene Gelder für Ungarn freizubekommen. Die Brüsseler Behörde hatte diese wegen Bedenken bei demokratischen Standards in zweistelliger Milliardenhöhe zurückgehalten.

EU ATMET AUF - SELENSKYJ GRATULIERT

Der Wahlausgang ist auch für die Europäische Union von Bedeutung, hatte sich Orban doch wiederholt bei Brüsseler Beschlüssen quergestellt. Zahlreiche europäische Politiker hoffen nun auf ein Ende der Blockadehaltung, die unter anderem ein 90 Milliarden Euro schweres Hilfspaket für Kiew aufgehalten hatte. Neben EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gratulierte bereits auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Peter Magyar zum Wahlsieg. Von der Leyen hatte zuvor mitgeteilt, Ungarn habe sich für die EU entschieden. Selenskyj kündigte an, mit Magyar für den Frieden zusammenarbeiten zu wollen.

Bundeskanzler Friedrich Merz schrieb auf der Plattform X, er freue sich auf die Zusammenarbeit für ein starkes, sicheres und geeintes Europa. Außenminister Johann Wadephul erklärte dort, die Menschen in Ungarn hätten sich für den politischen Wandel entschieden. Eine Reaktion aus Moskau oder Washington blieb zunächst aus. Für den russischen Präsidenten Wladimir Putin bedeutet die Abwahl Orbans den Verlust seines wichtigsten Verbündeten in der EU. Auch zu US-Präsident Donald Trump pflegt Orban gute Beziehungen. Erst in der vergangenen Woche hatte US-Vizepräsident JD Vance Budapest besucht.

WAHLBETEILIGUNG AUF REKORDHOCH

Die Wahlbeteiligung in Ungarn war mit voraussichtlich mindestens 79 Prozent auf ein Rekordhoch gestiegen. Magyar hat bei der Wahl davon profitiert, dass bei vielen Orban-Wählern die wirtschaftliche Stagnation sowie die Bereicherung regierungsnaher Oligarchen für Unmut gesorgt haben. Zuletzt war Orbans Wahlkampf zudem durch Medienberichte erschüttert worden, wonach seine Regierung mit Moskau konspiriert haben soll. Orban wies dies zurück. Er hatte noch am Sonntag erklärt, bei der Wahl gehe es um eine Entscheidung zwischen "Krieg und Frieden". Er hat gewarnt, Magyar werde Ungarn in den Krieg Russlands gegen die Ukraine hineinziehen - was dieser bestritt. Magyar, ein ehemaliger Weggefährte Orbans, hatte die Wahl seinerseits als Entscheidung zwischen Ost und West stilisiert. In seinen Jahren im Amt hatte Orban Medienfreiheiten sowie die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen eingeschränkt und die Unabhängigkeit der Justiz geschwächt.

(Bericht von Gergely Szakacs, Kriztina Than, Anita Komuves, Lili Bayer, Thomas Holdstock, Judith Langowski und Justyna Pawlak. Geschrieben von Ralf Bode und Alexandra Falk. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)