Ein robuster Arbeitsmarkt verkompliziert allerdings das Zinsbild. Händler haben ihre Erwartungen an kurzfristige Zinssenkungen zurückgenommen. Einige sehen den ersten Schritt nun eher im Juli als im Juni. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Federal Reserve zunächst abwartet, ist deutlich gestiegen. Gleichzeitig wird mindestens eine Zinssenkung im weiteren Jahresverlauf weiterhin breit erwartet. Der nächste Hinweis folgt morgen mit dem Verbraucherpreisindex, der laut Konsens eine leichte Abschwächung der Inflation auf 2,5% gegenüber 2,7% im Jahresvergleich anzeigen dürfte.
Diese vorsichtige Neubewertung erklärt den gedämpften Optimismus des Tages. Die Futures auf Dow Jones, S&P 500 und Nasdaq notieren moderat im Plus. Die Renditen von US-Staatsanleihen sind im Überseehandel leicht gesunken – ein Zeichen für Zurückhaltung trotz starker Arbeitsmarktdaten. Der Dollar zeigt sich schwächer, was darauf hindeutet, dass die Devisenmärkte nicht vollständig von einer Beschleunigung der US-Konjunktur überzeugt sind. Die Investoren warten auf Bestätigung.
Das Zinsniveau bleibt der konstante Hintergrund für die Märkte. Der gestrige Arbeitsmarktbericht war stark und hätte theoretisch die Wahrscheinlichkeit von Zinssenkungen verringern sowie die Anleiherenditen steigen lassen müssen, da er das Szenario einer konjunkturellen Abschwächung, welche die Fed zu Lockerungen zwingt, untergräbt. Streng genommen ist das teilweise auch geschehen. Allerdings haben die jährlichen Revisionen, die traditionell mit der Januar-Veröffentlichung einhergehen, den Großteil des Stellenzuwachses der vergangenen drei Jahre außerhalb des öffentlichen Sektors, des Freizeit- und Gastgewerbes sowie des privaten Gesundheits- und Bildungssektors praktisch ausgelöscht, wie ING anmerkt. Mit anderen Worten: Breite Teile von Industrie, Finanzsektor, Technologie und Einzelhandel bauen Stellen ab. Die Dynamik ist somit stark konzentriert, während Frühindikatoren wie sinkende offene Stellen und schwächere Einstellungsabsichten auf eine deutliche Abkühlung des Arbeitsmarktes hindeuten. Welche Schlussfolgerung ergibt sich daraus? Dass der Arbeitsmarkt weniger robust ist, als es die gestrige Schlagzeile nahelegt. Investoren können daher weiterhin auf mehrere Zinssenkungen in diesem Jahr hoffen – eine Überzeugung, die der Aktienrallye zusätzlichen Treibstoff liefert.
Währenddessen sorgen die Unternehmenszahlen für die eigentliche Volatilität. AppLovin übertraf die Erwartungen, dennoch gaben die Aktien im vorbörslichen Handel deutlich nach, da Anleger eine intensivere Konkurrenz und die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf das Geschäftsmodell fürchten. Cisco meldete höhere Umsätze, gestützt durch Nachfrage im Zusammenhang mit KI-Infrastruktur, doch die Aktie fiel nach enttäuschenden Margen und einer starken Kursentwicklung zu Jahresbeginn. Applied Materials rutschte ab, nachdem das Unternehmen eine Vergleichszahlung von 252 Mio. US-Dollar an das Handelsministerium im Zusammenhang mit illegalen Chip-Equipment-Exporten nach China akzeptierte. Im Gegensatz dazu legte Howmet Aerospace zu, nachdem ein über den Erwartungen liegender Gewinn im ersten Quartal in Aussicht gestellt wurde, während Novocure nach einer FDA-Zulassung für eine Bauchspeicheldrüsenkrebstherapie kräftig anzog.
Die Märkte zeigen sich derzeit wenig nachsichtig. Es reicht nicht mehr aus, die Gewinnerwartungen zu übertreffen. Unternehmen müssen Margen verteidigen, ihre Investitionspläne erläutern, ihre KI-Exponierung rechtfertigen und gleichzeitig Zuversicht für 2026 vermitteln. Jede wahrgenommene Schwäche kann binnen einer Sitzung Monate an Kursgewinnen auslöschen.
Über allem schwebt die ungelöste KI-Frage. Im vergangenen Jahr haben Investoren vor allem die offensichtlichen Profiteure belohnt: Halbleiterhersteller, Cloud-Anbieter, Hyperscaler. Die Investitionsausgaben der großen Tech-Konzerne dürften in den kommenden Jahren enorme Größenordnungen erreichen – und allein die bilanziellen Folgen sorgen zunehmend für Stirnrunzeln. Massive Investitionen in Rechenzentren und spezialisierte Chips werden steigende Abschreibungen nach sich ziehen, die künftige Gewinne belasten könnten.
Nun prüfen die Märkte die Effekte zweiter Ordnung. Welche Branchen werden durch KI gestärkt, welche geraten unter Druck? Softwareunternehmen, Finanzdienstleister, Verlage und andere Sektoren haben in den vergangenen Wochen spürbare Turbulenzen erlebt. Die Kurse bewegen sich nicht nur aufgrund fundamentaler Daten, sondern auch aufgrund von Spekulationen darüber, wie Algorithmen ganze Geschäftsmodelle umformen könnten. Die Sorge gilt weniger den heutigen Gewinnen als der künftigen Relevanz.
Abseits von Zahlen und KI bleiben Geopolitik und Wirtschaftspolitik im Hintergrund präsent. Das Repräsentantenhaus hat mit knapper Mehrheit eine Resolution zur Ablehnung von Zöllen gegen Kanada verabschiedet – eine symbolische Rüge der Handelspolitik von Präsident Trump, deren endgültiges Schicksal jedoch ungewiss ist. Berichten zufolge könnten die USA und China ihren Handelsfrieden um bis zu ein Jahr verlängern, möglicherweise begleitet von einem Treffen der Staatschefs in Peking im Frühjahr. Mit anderen Worten: Die Handelsspannungen eskalieren vorerst nicht.

























