Eigentlich sollte diese Woche im Zeichen der Arbeitsmarktdaten und der nächsten Wendung im Boom rund um künstliche Intelligenz stehen. Stattdessen aktualisieren Amerikaner nun im Minutentakt Ölpreis-Charts und studieren Karten der Straße von Hormus.
Anleger reagieren in gewohnter Manier: Sie suchen Zuflucht in dem, was als solide gilt, und meiden alles, was fragil erscheint. Der Dollar und der Schweizer Franken legen zu. Gold steigt. Rüstungswerte schießen nach oben. Ölkonzerne erleben ihre Stunde im Rampenlicht. Fluggesellschaften hingegen geraten unter Druck, da Flugausfälle und steigende Treibstoffkosten die Margen von zwei Seiten belasten. Auch Kreuzfahrtanbieter verlieren an Boden. Große Banken stehen unter Druck. Selbst Technologieriesen – ohnehin nervös angesichts steigender Anleiherenditen und ambitionierter Bewertungen – geraten ins Schwitzen, da höhere Ölpreise das Risiko einer neuen Inflationswelle erhöhen.
Der VIX, das sogenannte „Angstbarometer“ der Wall Street, ist auf den höchsten Stand seit drei Monaten geklettert. Die Renditen von US-Staatsanleihen, nach einem anfänglichen Rückgang, ziehen wieder an, da Händler ihre Einschätzung überdenken, wie schnell die Federal Reserve die Zinsen senken kann, falls steigende Energiepreise die Inflation erneut anfachen. Ein Stratege merkte an, sollte Rohöl nachhaltig über 100 Dollar steigen, könnte der S&P 500 rund 13 Prozent unter seinen letzten Schlusskurs fallen. Die Unternehmensgewinne könnten spürbar unter dem leiden, was Ökonomen höflich als „ölgetriebenen Stagflationsschock“ bezeichnen. Kaum jemand mag diesen Begriff – außer vielleicht Führungskräfte der Ölindustrie.
All das trifft auf einen ohnehin heiklen Moment. Die Aktienmärkte verzeichneten gerade den stärksten monatlichen Rückgang seit fast einem Jahr, belastet von Sorgen über KI-bedingte Disruption, Spannungen im Markt für Private Credit und Unsicherheiten in der Handelspolitik, nachdem der Supreme Court zentrale Zölle gekippt hatte. Die Investoren waren bereits erschöpft. Nun sind sie zusätzlich beunruhigt.
Die kommenden Tage werden nicht nur die Märkte, sondern auch die politischen Nerven testen. Präsident Donald Trump erklärte, der Konflikt könne vier Wochen andauern. Allein dieser Zeitrahmen dürfte die Volatilität hochhalten. Heute stehen Einkaufsmanagerdaten an. Später in der Woche folgt der Februar-Arbeitsmarktbericht – nur zwei Wochen vor der März-Sitzung der Federal Reserve. Ein robuster Arbeitsmarkt könnte die Notenbank in die Defensive drängen, falls die Inflationserwartungen parallel zu den Benzinpreisen steigen. Ein schwacher Bericht wiederum könnte Ängste schüren, dass sich die Wirtschaft verlangsamt, just in dem Moment, in dem die Energiekosten steigen. Man wähle das geringere Übel.
Um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte, lohnt ein Blick zurück. Im Januar erschütterten Proteste das iranische Regime. Es folgte ein hartes Durchgreifen. Trump drohte mit Intervention, ruderte dann zurück. Die USA verstärkten still ihre Präsenz in der Region, während unter omanischer Vermittlung die Gespräche mit Teheran wieder aufgenommen wurden. Vor zehn Tagen deuteten Berichte auf einen möglichen Großkonflikt hin. Dann verschwand das Thema aus den Schlagzeilen, verdrängt von Gerichtsurteilen und KI-Meldungen. Amerikanische und iranische Unterhändler berichteten vergangene Woche in Genf sogar von Fortschritten, weitere Gespräche waren in Wien geplant.
Dann kam der Samstag. Die Vereinigten Staaten und Israel starteten die Operation „Epic Fury“ und nahmen militärische Infrastruktur sowie die Führungsspitze Irans ins Visier. Medienberichten zufolge hatte die CIA von einem Treffen in der Residenz des Obersten Führers in Teheran erfahren. Bei den Angriffen wurde Ali Khamenei, seit 1989 im Amt, getötet, ebenso Dutzende weitere hochrangige Vertreter, darunter führende Militärkommandeure. Iran reagierte mit Raketenangriffen auf Israel und US-Stützpunkte in der Region und beschädigte Einrichtungen in Golfstaaten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und Katar. Das Pentagon bestätigte die ersten amerikanischen Opfer. Die Hisbollah feuerte Raketen aus dem Libanon. Europäische Mächte warnten, sie könnten sich an Angriffen beteiligen, falls die Attacken auf Golfstaaten anhalten.
Dies sind die bisherigen Fakten, und der weitere Verlauf bleibt ungewiss. Von außen erzwungene Regimewechsel haben – vorsichtig formuliert – eine gemischte Erfolgsbilanz. Sie erzeugen häufig schneller Instabilität als Demokratie. Die Risiken liegen auf der Hand. Die Revolutionsgarden, eine gewaltige militärische, politische und wirtschaftliche Macht, sind weiterhin intakt. Die Beseitigung eines Oberhaupts löst nicht automatisch ein über Jahrzehnte gewachsenes System auf.
Auch die amerikanische Öffentlichkeit spielt eine Rolle. Laut einer aktuellen Reuters/Ipsos-Umfrage unterstützt nur etwa jeder vierte US-Bürger amerikanische Angriffe auf Iran. Viele Wähler, die Trump 2024 unterstützten, taten dies ohne große Bereitschaft für neue außenpolitische Verstrickungen. Der Präsident, nun in seiner zweiten Amtszeit und ohne Möglichkeit einer erneuten Kandidatur, dürfte weniger an Zustimmungswerten als an seinem Vermächtnis interessiert sein. In seiner Ansprache am Wochenende erinnerte er an die Geiselnahme von 1979 und den Bombenanschlag von Beirut 1983 – Traumata, die im kollektiven Gedächtnis der USA fortleben. In dieser Lesart ist die Operation nicht nur ein militärischer Schritt, sondern der Versuch, ein historisches Kapitel zu schließen.
Es ist zugleich ein gewaltiges Risiko. Bleibt die Straße von Hormus für längere Zeit blockiert oder explodieren die Versicherungskosten für Tanker, dürfte sich der Schock rasch an Tankstellen, in Supermärkten und in den Bilanzen der Unternehmen niederschlagen. Höhere Energiepreise würden eines von Trumps erklärten Zielen untergraben: günstige Benzinpreise. Sie würden zudem den Kurs der Federal Reserve verkomplizieren – zu einem Zeitpunkt, an dem Anleihen womöglich nicht mehr den gleichen Puffer bieten wie früher. Ein Investmenthaus formulierte es unverblümt: Das lange Ende des US-Staatsanleihemarkts müsse sich womöglich um mindestens 50 Basispunkte nach oben anpassen. Klartext: Die Finanzierungskosten könnten steigen, selbst wenn die Risiken zunehmen.
Die Welt von gestern – geprägt von KI-Bewertungen, Zollstreitigkeiten und Quartalszahlen von Unternehmen wie Nvidia, Broadcom, Costco oder CrowdStrike – ist nicht verschwunden. Sie wurde lediglich von Ereignissen überlagert, die größer wirken und sich schwerer modellieren lassen. Den Gewinnrückgang bei einem Ölpreis von 100 Dollar können Investoren kalkulieren. Die politischen Nachbeben einer Enthauptung eines Regimes hingegen lassen sich kaum in ein Bewertungsmodell pressen.
Nahost-Eskalation drückt Dax deutlich ins Minus – Reise- und Chemiewerte brechen ein
Der Angriff der USA und Israels auf den Iran sowie die iranischen Vergeltungsschläge haben den deutschen Aktienmarkt zum Wochenauftakt kräftig belastet. Der Dax verlor am frühen Montagnachmittag 2,4 Prozent auf 24.685 Punkte und fiel damit wieder unter die Marke von 25.000 Zählern. Noch am Freitag hatte sich der Leitindex seinem Rekordhoch von Mitte Januar genähert. Der MDax sank ebenfalls um 2,4 Prozent auf 30.817 Punkte und näherte sich der Schwelle von 30.000 Zählern. Auch der EuroStoxx 50 gab um 2,4 Prozent nach.
Besonders stark traf es Reise- und Luftfahrtwerte. Die Schließung wichtiger Drehkreuze im Nahen Osten und steigende Treibstoffpreise setzten die Branche massiv unter Druck. Lufthansa-Aktien brachen in der Spitze um mehr als elf Prozent ein, auch Air France-KLM, IAG und Ryanair verloren rund zehn Prozent. Ebenfalls Tui sackten zeitweise um knapp zehn Prozent ab. Analysten von Oddo BHF und MWB verwiesen auf die besondere Betroffenheit des Reisekonzerns: Kreuzfahrtschiffe in Häfen am Persischen Golf und die intensive Nutzung von Luftkorridoren im Nahen Osten für Langstreckenflüge machten Tui anfällig für die Folgen des Konflikts. Belastet vom Ölpreisanstieg wurden zudem Chemiewerte wie BASF, Evonik, Wacker Chemie und Lanxess, die zwischen drei und sechs Prozent einbüßten, da höhere Energiekosten auf die Gewinne drücken dürften.
Gefragt waren dagegen Rüstungswerte. Rheinmetall, Hensoldt und Renk legten gegen den Markttrend um ein bis zeitweise acht Prozent zu. Die Anteile des Marineschiffbauers TKMS drehten nach anfänglichen Gewinnen ins Minus. An den Aktienmärkten griffen Investoren auch bei europäischen Reedereiwerten zu, getrieben von Spekulationen über steigende Frachtraten und eine angespannte Kapazitätslage. Die Aktie von Maersk legte zwischenzeitlich um mehr als sieben Prozent zu. Auch Hapag-Lloyd standen im Fokus der Anleger und verteuerten sich um bis zu sechs Prozent auf den höchsten Stand seit Mitte 2025. Beide Containerreedereien haben die Passage ihrer Schiffe durch die Straße von Hormus bis auf Weiteres eingestellt. Seit Sonntag meiden sie zudem den Suezkanal sowie die Meerenge Bab al-Mandab und leiten ihre Schiffe stattdessen wieder über die Route rund um Afrika um.
























