In der vergangenen Woche beschrieben wir an dieser Stelle den Rückgang der langfristigen US-Zinsen seit Jahresbeginn – eine Bewegung, die angesichts zahlreicher Aufwärtsrisiken durchaus kontraintuitiv erschien.
Ein Wochenende, das alles verändert
„Das Narrativ ist von ‚Die Wirtschaft ist stark‘ zu ‚Wir werden alle arbeitslos‘ gekippt“, fasste Torsten Slok, Chefökonom von Apollo, in einer am Samstag veröffentlichten Notiz zusammen.
Bislang dominierten an den Aktienmärkten die Sorgen vor Disruption durch Künstliche Intelligenz. Das führte in mehreren Branchen zu teils drastischen Korrekturen – von Software über Immobiliendienstleistungen bis hin zu Private Equity. Gegen Ende der vergangenen Woche erhielt dieses Narrativ zusätzliche Nahrung durch die Ankündigung von Block, im Zuge einer KI-getriebenen Reorganisation 40% der Belegschaft zu entlassen.
Seit dem Ausbruch des Konflikts im Nahen Osten am Wochenende hat sich die Diskussion jedoch klar verschoben. Der Ölpreis ist sprunghaft gestiegen – und plötzlich sorgt man sich um die inflationspolitischen Folgen dieses Schocks.
Diese Sorgen spiegeln sich in steigenden Renditen wider. Die französische OAT mit zehnjähriger Laufzeit legte seit Freitag um 20 Basispunkte zu, der Bund um 15 Basispunkte und die zehnjährige US-Staatsanleihe um 16 Basispunkte. Die langfristigen Zinsen steigen, weil die Inflationserwartungen zunehmen. Und auch die kurzfristigen Renditen ziehen an, da Investoren ihre Erwartungen hinsichtlich möglicher Zinsschritte der Zentralbanken neu bewerten.
Die EZB in der ersten Reihe
Europa steht bei diesem Schock an vorderster Front. Die europäischen Aktienmärkte korrigieren seit zwei Tagen deutlich, während die Bewegungen an der Wall Street moderater ausfallen. Europäische Volkswirtschaften reagieren sensibler auf Energieschocks als die USA. Die Entwicklung weckt Erinnerungen an 2022, als der Energiepreisschock infolge der russischen Invasion in der Ukraine die europäische Wirtschaft massiv belastete.
Seit 2022 hat Europa seine Abhängigkeit von russischen Energielieferungen zwar reduziert, gleichzeitig jedoch neue Abhängigkeiten aufgebaut – unter anderem von Katar, einem der weltweit größten Produzenten. Besonders deutlich zeigt sich die aktuelle Eskalation bei den europäischen Gaspreisen. In Amsterdam hat sich der TTF-Preis innerhalb von zwei Tagen nahezu verdoppelt. Der Zeitpunkt ist ungünstig: Die europäischen Länder kommen mit vergleichsweise niedrigen Gasspeicherständen aus dem Winter.
Bereits 2022 zwang der Energieschock die europäischen Staaten zu kostspieligen Maßnahmen, um Haushalte und Unternehmen zu entlasten. Auch die kräftige Bewegung bei den langfristigen Zinsen dürfte vor diesem Hintergrund zu verstehen sein – die Märkte preisen steigende fiskalische Risiken mit ein.
Bislang galt für die EZB als Basisszenario ein geldpolitischer Stillstand im Jahr 2026. Die Projektionen des EZB-Stabs sahen eine Inflation leicht unter dem Zielwert von 2% (1,9%) sowie solides Wachstum vor. Doch inzwischen ist auch die Möglichkeit erneuter Zinserhöhungen wieder auf dem Tisch. EZB-Chefökonom Philip Lane warnte am Morgen in der Financial Times, ein anhaltender Konflikt im Iran könne zu einem erneuten Inflationsschub führen.
























