Um den jüngsten Anstieg zu verstehen, muss man den VIX zunächst auseinandernehmen. Der Volatilitätsindex der CBOE ist eine mathematische Messgröße, die auf Optionen auf den S&P 500 basiert. Diese Verkaufsoptionen (Puts) werden von Investoren in großem Umfang gekauft, um sich gegen fallende Kurse abzusichern. Der VIX steigt, wenn die implizite Volatilität von S&P-500-Optionen zunimmt – häufig ausgelöst durch eine starke Nachfrage nach Absicherungen über Puts. Die Instrumente, die eigentlich Portfolios schützen sollen, werden damit zu den ersten Treibern ihres Rückgangs.

Die sich selbst erfüllende Prophezeiung

Der Auslöser für den Kurssturz am Montag liegt in den Risikomanagementsystemen der großen Investmentbanken. Diese Banken, die als Market Maker auftreten, verkaufen Optionen an Investoren. Wenn ein Fonds massiv Puts kauft, um sein Portfolio abzusichern, ist es in der Regel eine Bank, die diese Optionen verkauft.

Ab diesem Moment wird die Mechanik unerbittlich. Eine Bank versucht ständig, ein sogenanntes delta-neutrales Risiko zu halten. Wenn sie einem Kunden einen Put verkauft, setzt sie sich einem fallenden Markt aus. Um dieses Risiko auszugleichen, muss sie Futures-Kontrakte oder Aktien verkaufen. Dieser Mechanismus wird als Delta-Hedging bezeichnet.

Am Montag geriet der Markt in eine sogenannte „Gamma-Falle“. Gamma misst die Geschwindigkeit, mit der sich das Delta einer Option verändert. Je höher das Gamma, desto stärker können Gewinne oder Verluste exponentiell anwachsen. Konkret bedeutet das: Je stärker der Markt fällt, desto schneller steigt das Delta der von Banken verkauften Puts. Um ihre Absicherung aufrechtzuerhalten, müssen sie immer mehr Aktien verkaufen. Diese Verkäufe verstärken den Marktrückgang – der sie wiederum zwingt, noch mehr zu verkaufen. Die Spirale ist in Gang gesetzt.

Mit einem VIX bei 35 gerät diese Maschine in hohen Stress. Die Absicherungsalgorithmen reagieren unabhängig von den fundamentalen Daten des Marktes und führen Verkaufsaufträge über Milliarden aus, um die Risikoposition wieder zu neutralisieren.

Der Teilchenbeschleuniger

Wenn die Banken den Mechanismus dieser selbstverstärkenden Abwärtsbewegung darstellen, liefern gehebelte Fonds die Energie dafür. Am Montag wurde die Beschleunigung des Kursrückgangs zusätzlich durch sogenannte Volatilitätszielstrategien verstärkt. Einige Fonds steuern ihre Marktexponierung in Abhängigkeit vom wahrgenommenen Risiko – gemessen am VIX. Die Regel ist einfach: Steigt die Volatilität, reduzieren diese Fonds ihre Positionsgrößen. Der abrupte Anstieg des Angstindex löste daher massive Verkaufssignale aus.

Dieses erzwungene Deleveraging erzeugt sogenannte „Illiquiditätstaschen“. Da alle Marktteilnehmer gleichzeitig verkaufen – Banken, Fonds und Privatanleger –, verschwinden Käufer plötzlich aus dem Markt. Die Kaufseite im Orderbuch trocknet aus, und die Aktienkurse fallen so lange, bis ein Käufer bereit ist, das Risiko eines Einstiegs einzugehen. Am Montag wurde dieses Niveau deutlich unterhalb klassischer technischer Unterstützungen getestet.

So gefährlich diese „Griechen“ während eines Kurssturzes sein können, so schnell können sie sich auch in Verbündete verwandeln. Sobald der VIX ein Plateau erreicht, kehrt sich die Dynamik um. Sinkt die Angst wieder, stellen Banken fest, dass sie plötzlich zu stark abgesichert sind, und müssen die zuvor verkauften Aktien in großem Umfang zurückkaufen.

Eine Bereinigung durch Leere

Für Anleger signalisiert ein VIX von 35, dass der Markt seinen Optimismus bereits weitgehend bereinigt hat. Paradoxerweise ist ein heftiger Kurssturz häufig ein Zeichen der finalen Kapitulation. Die Kosten für Absicherung explodieren, und die Käufer von Puts – anfangs zahlreich – werden zunehmend selten. Sobald Banken ihre Absicherungsverkäufe abgeschlossen haben und Fonds ihre Positionen reduziert haben, ist der Markt gewissermaßen von Verkäufern „gesäubert“.

Die Lehre vom Montag ist klar. Volatilität ist längst nicht mehr nur ein Indikator, sondern eine eigenständige Anlageklasse geworden. Der Anstieg des VIX wirkt wie ein Katalysator. Glücklicherweise erschöpft sich der in diesem Beitrag beschriebene Mechanismus am Ende immer von selbst. Wie so oft gilt: Wenn Bewertungen kaum noch Raum für Enttäuschungen lassen, kann die Stimmung schnell kippen. Jenseits von 35 Punkten im VIX übernimmt die Panik das Kommando.