Ein Montagabend im Februar. Für alle, die nicht gerade im Skiurlaub sind, gehört dieser Moment selten zu den Höhepunkten der Woche. Nathan kommt nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause, durchgefroren von Regen und Kälte. Um seine knappe Freizeit zu schonen, kommt Kochen nicht infrage. Also bestellt er sein Abendessen mit wenigen Klicks über eine Liefer-App.

Von dieser Pflicht befreit, vertreibt er sich die Zeit in sozialen Netzwerken. Der Nachrichtenstrom läuft ununterbrochen weiter, regelmäßig unterbrochen von Werbeeinblendungen. Der Lieferfahrer klingelt, das Essen ist da. Wie die Mehrheit der Europäer setzt sich Nathan anschließend vor eine Serie. Da er nicht das teuerste Abonnement besitzt, wird auch sein Streaming-Erlebnis von Werbepausen begleitet.

Dann fällt ihm noch eine dringende Aufgabe ein: eine E-Mail, die vor dem nächsten Morgen verschickt werden muss. Weil es bereits spät ist, entscheidet er sich für Effizienz und überlässt die Formulierung einer KI. Wenige Sekunden später ist die Nachricht versendet. Sein Tag ist vorbei, Nathan kann schlafen gehen.

Diese Abendroutine ist alles andere als außergewöhnlich. Nathan steht stellvertretend für ein weit verbreitetes Verhalten. Im Jahr 2026 verbringen Menschen weltweit durchschnittlich 2 Stunden und 40 Minuten pro Tag in sozialen Netzwerken, wie die Jahresberichte von DataReportal zeigen. Dieser Wert steigt seit Jahren und ist zum Treibstoff eines Geschäftsmodells geworden, das wie kaum ein anderes das 21. Jahrhundert prägt: die Convenience Economy, die Ökonomie der Bequemlichkeit.

Hinter dem Versprechen, Zeit zu sparen und den Alltag zu optimieren, zeichnet sich jedoch ein komplexeres Bild ab. Wer körperliche oder geistige Aufgaben auslagert, möchte sich Freiräume schaffen. Die Daten zeigen jedoch, dass diese gewonnene Zeit häufig in sozialen Netzwerken und allgemein in der Aufmerksamkeitsökonomie landet.

Damit stellt sich eine zentrale Frage: Befreien uns diese Innovationen tatsächlich von den Zwängen des Alltags – oder verlagern sie unsere verfügbare Zeit lediglich auf Technologien, die gezielt darum entwickelt wurden, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln?

Die Automatisierung des Verlangens

Auch wenn der Begriff „Uberisierung“ noch jung ist, reicht das Streben nach Zeitersparnis durch Automatisierung deutlich weiter zurück. Bereits die Nachkriegszeit legte mit dem Siegeszug der Haushaltsgeräte die Grundlagen unseres modernen Alltags.

Ende des 20. Jahrhunderts meldete ein Unternehmer ein revolutionäres Patent an: das „1-Click“-Verfahren, das den Kauf mit nur einem Klick ermöglichte und die mühsamen Zwischenschritte des Bestellvorgangs eliminierte. Sein Name: Jeff Bezos – unterstützt von drei Mitstreitern.

Mit dem Aufstieg des Internets erreichte die Lieferwirtschaft eine neue Dimension, angeführt von Amazon. Gleichzeitig entstanden rund um die Welt immer mehr Einkaufszentren und Verbrauchermärkte, während zahlreiche kleine Einzelhändler verschwanden.

Der eigentliche Wendepunkt kam Ende der 2000er-Jahre mit der Kombination aus Smartphones und Geolokalisierung. 2009 entstand in einer Garage in San Francisco die Idee zu Uber: einer Plattform, die private Fahrer direkt mit Kunden verbindet. Später machten Uber Eats und zahlreiche Nachahmer das Konzept endgültig massentauglich.

Für die Unternehmen begann damit ein Wettlauf um Marktanteile. Konzerne wie Uber Technologies, Deliveroo oder Just Eat verbrannten Mrd. US-Dollar an Kapital, um möglichst schnell Größe zu erreichen. Doch wie in der Physik gilt auch hier: Nichts geht verloren, nichts entsteht neu, alles wird lediglich umgewandelt.

Mehr Verlagerung als Zeitgewinn

Genau hier liegt der eigentliche Bruch. Auf der einen Seite steht eine wohlhabendere, zeitknappe Bevölkerung, die bereit ist, für zusätzliche freie Stunden zu bezahlen. Auf der anderen Seite arbeiten Menschen mit wenig Einkommen, aber verfügbarer Zeit, um diesen Bedarf zu bedienen.

Hinter dem Bild technologischer Modernität verbirgt sich eine weniger glänzende Realität: Skandale um Lieferfahrer und Dark Kitchens, Identitätsbetrug und Vergütungen, die häufig deutlich unter dem gesetzlichen Mindestlohn liegen.

Der Quick-Commerce markierte den Höhepunkt dieser Entwicklung. Das Versprechen lautete, alltägliche Einkäufe innerhalb von 10 bis 15 Minuten zu liefern. Während der Corona-Pandemie erreichte das Modell seinen Höhepunkt, bevor die Blase platzte und Start-ups wie Getir oder Gorillas mit sich riss. Die großen Plattformen überstanden die Bereinigung dagegen weitgehend unbeschadet.

Trotz neuer Regulierungen setzt sich die Ökonomie der Bequemlichkeit fort. Heute begegnet uns Automatisierung überall: Selbstbedienungskassen, Bestellterminals in Fast-Food-Restaurants, Paketstationen und Saugroboter. Die Liste scheint endlos. Und der Erfolg dieser Angebote zeigt, dass sie ein echtes Bedürfnis bedienen. Wer freut sich nicht darüber, Geschirrspülen oder Staubsaugen vermeiden zu können? 

Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht, ob Zeit eingespart wird. Die eigentliche Frage ist, was wir mit dieser gewonnenen Zeit anfangen.

Die Falle der gewonnenen Zeit

Dieses neue Umfeld verändert unser Verhalten grundlegend. Theoretisch hätte diese gewonnene Zeit zu mehr Gesundheit und Lebenszufriedenheit führen sollen. Die Realität sieht anders aus.

Nathan bleibt zu Hause und bezahlt dafür, seine Pflichten auszulagern. Die dadurch frei gewordene Zeit wird unmittelbar von der Aufmerksamkeitsökonomie vereinnahmt. Unternehmen wie Meta oder Alphabet verwandeln diese freie Zeit in Werbeeinnahmen. Es entsteht ein doppelter Wertstrom: Der Konsument zahlt zunächst mit seiner Kreditkarte für den Service – und anschließend mit seiner Aufmerksamkeit.

Ist dieser Zeitgewinn also tatsächlich ein Gewinn? Die zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema fallen eher ernüchternd aus. Einsamkeit nimmt zu, psychische Belastungen steigen und das subjektive Wohlbefinden sinkt.

Wer trägt die Verantwortung? Die Internetgiganten haben zweifellos ein Interesse daran, unsere Bildschirmzeit zu maximieren. Dennoch bleibt der Umgang mit unserer Freizeit letztlich unsere eigene Entscheidung.

So düster die gesellschaftliche Bilanz auch ausfallen mag, für Investoren beschreibt sie einen strukturellen Trend, der kaum aufzuhalten scheint. Die Frage lautet nicht mehr, ob dieses Modell wünschenswert ist, sondern ob man seine wirtschaftliche Bedeutung ignorieren kann. Die Antwort fällt eindeutig aus: nein.

Aktien der Bequemlichkeit

Uber Technologies: Pionier und Marktführer bei Essenslieferungen und Mobilitätsdiensten. Das Unternehmen vereinnahmt einen beträchtlichen Teil der Ausgaben für Komfort und Zeitersparnis in den Städten.

Meta: Die Auslagerung kognitiver Anstrengungen macht den Konzern hinter Instagram, Facebook, WhatsApp und Threads reich. Seine Algorithmen sind darauf ausgelegt, Nutzer möglichst lange auf den Plattformen zu halten und ihnen hochgradig personalisierte Werbung auszuspielen.

Netflix: Der Streaming-Pionier hat sich in Millionen Haushalten etabliert. Die günstigeren Abonnements finanzieren sich zunehmend über Werbeeinblendungen zwischen den Inhalten.

VusionGroup: Die französische Mid-Cap ist Weltmarktführer bei intelligenten elektronischen Preisschildern. Die Technologie automatisiert Preis- und Lagerverwaltung in Echtzeit und erleichtert zugleich die Einführung von Selbstbedienungskassen.

Instacart: Während Uber Eats das Abendessen liefert, dominiert Instacart den nordamerikanischen Markt für Lebensmittellieferungen. Das Unternehmen kombiniert Heimzustellung mit einer leistungsstarken Werbeplattform innerhalb seiner App.

InPost: Der europäische Marktführer für Paketstationen hat mit der Übernahme von Mondial Relay seine Position weiter gestärkt. Das Unternehmen verarbeitet jährlich mehr als 1,4 Mrd. Pakete und betreibt über 61.000 automatisierte Locker-Systeme.