Die dovishen Mitglieder der Fed hatten monatelang Zinssenkungen gefordert. Jetzt verteidigen sie den Status quo.

„Ich sehe derzeit absolut keinen Grund, die Zinsen anzuheben oder zu senken“, erklärte gestern John Williams, Präsident der New Yorker Fed und enger Vertrauter von Jerome Powell.

Dieser Kurswechsel zeigt exemplarisch, wie stark sich die Diskussion innerhalb der Fed verändert hat. Der Konflikt mit dem Iran hat innerhalb weniger Wochen die wirtschaftlichen Perspektiven komplett verschoben und die Karten für die US-Notenbank neu gemischt.

Ende 2025 hatte die Fed ihre Leitzinsen dreimal gesenkt, da Risiken für den Arbeitsmarkt bestanden und die Inflation allmählich nachzulassen schien. Genau diese Faktoren sollten eigentlich weitere Lockerungen im Jahr 2026 ermöglichen.

Doch die ersten Monate des Jahres zeichnen ein anderes Bild. Der US-Arbeitsmarkt zeigt sich robust. Im April wurden 115.000 neue Stellen geschaffen – deutlich mehr als die von Ökonomen erwarteten 65.000. Zudem hat die US-Wirtschaft erstmals seit einem Jahr in zwei aufeinanderfolgenden Monaten neue Arbeitsplätze geschaffen. Die Arbeitslosenquote blieb stabil bei 4,3 %.

Gleichzeitig hat die Energiekrise infolge der Schließung der Straße von Hormus die Inflation erneut angeheizt – und schneller als erwartet. In dieser Woche überraschten sowohl die Verbraucherpreise (CPI) als auch die Erzeugerpreise (PPI) auf der Oberseite. Der CPI stieg um 3,8 % gegenüber dem Vorjahr, die Kerninflation ohne Energie und Lebensmittel lag bei 2,8 %. Der PPI erreichte 6 % und damit das höchste Niveau seit März 2022.

Zu Jahresbeginn herrschte innerhalb der Fed noch weitgehend Einigkeit darüber, dass der nächste Zinsschritt nach unten gehen würde. Diskutiert wurde lediglich der Zeitpunkt. Inzwischen steht dagegen die Frage im Raum, ob die Zinsen erneut angehoben werden müssen.

Die dovishe Formulierung im Statement der April-Sitzung – also der Hinweis, dass künftig Zinssenkungen möglich seien – dürfte im Juni mit hoher Wahrscheinlichkeit verschwinden. Bereits im April hatten drei Mitglieder dagegen gestimmt. Die jüngsten Konjunktur- und Inflationsdaten dürften nun eine Mehrheit hinter diese Position bringen.

Selbst Christopher Waller, seit 2024 einer der entschiedensten Befürworter von Zinssenkungen, warnt inzwischen vor den Inflationsrisiken. In seiner Mitte April gehaltenen Rede mit dem Titel „Ein temporärer Schock nach dem anderen“ betonte Waller, dass die Fed eine Energiekrise nicht ignorieren könne – selbst wenn deren Auswirkungen auf die Inflation grundsätzlich vorübergehend seien.

Die Inflation liegt inzwischen seit mehr als fünf Jahren oberhalb des Zielwerts. Untätigkeit könnte die Inflationserwartungen entankern, je stärker sich Unternehmen und Verbraucher an ein dauerhaft inflationäreres Umfeld gewöhnen.

Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung nimmt jedenfalls von Tag zu Tag zu. Laut dem FedWatch-Tool der CME liegt die Wahrscheinlichkeit für mindestens eine Zinserhöhung bis Jahresende inzwischen bei 49 %.

Die Fed würde damit den anderen großen Zentralbanken folgen – der Europäischen Zentralbank, der Bank of England und der Bank of Japan –, die ihre Zinsen bereits ab Juni wieder anheben dürften.

An den Märkten haben die Renditen amerikanischer Staatsanleihen inzwischen den höchsten Stand des Jahres erreicht. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe stieg in dieser Woche über 4,5 %. Die zweijährige Rendite, die als besonders sensibler Indikator für die Zinserwartungen gegenüber der Fed gilt, liegt sogar auf dem höchsten Niveau seit Juni vergangenen Jahres. Damals lagen die Fed-Zinsen allerdings noch um 75 Basispunkte höher.